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Kolumne 17. Januar 2004 - <br>Die Wirklichkeit aus Wortmaterial gedrechselt

Traugott Giesen Kolumne 17.01.2004 aus "Die Welt" Ausgabe Hamburg

Die Wirklichkeit aus Wortmaterial gedrechselt

von Traugott Giesen

Es ist eine Traurigkeit um die mit den spitzen Zeigefingern. Irgendwann reden sie sich selbst um Kopf und Kragen. Die Rettung ist: wenig Worte. Menschen, die mit den Händen arbeiten oder mit Zahlen, sind ehrlicher. Aber Redner, Prediger, Politiker, Kommentatoren, die sind gefährdet. Sie drechseln Wirklichkeiten aus Wortmaterial. Sie deuten, meinen, werten, sie müssen Wissen vorgeben, sonst hätten sie ja nichts zu sagen.

Aber sie müssen tun, was sie für richtiges Tun kennzeichnen. Oder sie schlagen sich selbst ins Gesicht. Schlimme Unglaubwürdigkeit wird aufgespießt mit dem Wort: "Sie predigen Wasser, und selber saufen sie Wein." Als pharisäisch gilt seit Jesus: "Sie binden unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst krümmen dafür keinen Finger."

Hochriskant ist es, anderer Leute Tun zu bewerten. Gut, es gibt welche, die treiben das berufsmäßig; sie haben hoffentlich eine gehörige Portion Skrupel immer dabei. Denn wer noch nicht in die Schlagzeilen geriet, der ist nur bewahrt worden. Ein gnädiger Mantel des Schweigens hat sich über so manches Ärgernis gelegt. Wer noch mit unbeschadetem Ruf dasteht, der hat Menschen gefunden, "die entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren" - so Luther.

Aber andrerleuts Unrecht aufzuspießen, dabei eigenes Unrecht zu vertuschen, vergessen, verleugnen, das scheint eine unserer üblichen Schwächen zu sein. Jesus sagt: "Richtet nicht. Denn nach welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?"

Der Pastor hat schon die Nagelprobe jeden Sonntag bei der Kollekte. Aber keiner hat sich selbst geschaffen. Und erstaunlich, wie wir alle gute Gründe haben für genau unser Verhalten. Man ist ja kein Idiot, man hat sich nur eine andere Wirklichkeit konstruiert. Das mag erträglich sein, so lange die Wirklichkeiten sanft aneinander vorübergleiten und man in Hauptsachen doch Übereinkunft erzielt.

Unerträglich wird das große Wort, wenn man sich selbst nicht dran hält. Wenn man Nächstenliebe predigt, und schon die Allernächsten sind einem gleichgültig; oder wenn man zu Bekenntnissen auffordert und sich selbst weltgewandt und wortreich versteckt hält. Die so sicheren Herren über die Worte müssten eigentlich wissen, wie wenig man sagen kann, ohne zu lügen. War es nicht ein Wort des ehrwürdigen Bundespräsidenten Heinemann: "Wenn du auf einen mit dem Finger zeigst, dann weisen viere auf dich zurück." Man kann nicht vorsichtig genug sein, den andern in Schuld einzuschließen. Helfen wir, dass einer sein Gesicht nicht verliert. Doch Moralpredigern gönnt man Entlarvung: "Gestern noch auf stolzen Rossen, heute in die Brust geschossen, morgen in das kühle Grab" der verlorenen Ehre. Keiner ist schuldlos. Aber die mit viel Sprache brauchen viel Vergebung.


 



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