L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
0726088

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   14.07.2002

Kunst ist wunderbar

In der vergangenen Woche wurde der höchste jemals erzielte Preis für ein Bild bezahlt. Für das Bild "der Kindermord in Bethlehem" von Peter Paul Rubens wurden 77Millionen Euro gelöhnt. Auch ein Grund, über Kunst nachzudenken.
Und: St. Severin ist eine Skulptur überlassen worden, von Anna Cromy: eine Pieta', auf der Südseite der Kirche aufgestellt: Eine Hülle, ohne Gesicht, der Tod hat kein Wesen, sondern ist Mantel, in den wir eingehüllt zu Gott nach Hause kommen. So kann es sein, möge es bitte sein.

"Kunst ist wunderbar, und sie kann vieles sein, nur eins ist sie nicht: wichtig. Wichtig ist nur, wer mit wem spricht, wer wem zu essen gibt, wer wem den Hintern abwischt, wenn er es selbst nicht kann", das sagt Howard Buten, ein Therapeut, der mit autistischen Kindern arbeitet und im Hauptberuf Clown ist. Mir wiegt dieses Wort schwer, weil es nah am rigorosen Paulus ist; der erklärt alles zu Nebensachen, was vom Bau des Reiches Gottes abhält. Dem Reich Gottes hier Beine machen aber heißt, Güte und Gerechtigkeit herbeibringen. Also: Kaufet die Zeit aus, es ist böse Zeit, - so wohl Paulus im Brief an die Epheser (5,16). Keine Zeit zu genießen, keine Zeit zur Freude an Schönheit, jetzt schon, sie lenke nur ab, keine Zeit für Kunst.

Geradezu bedrohlich ist die Kunst im Alten Testament meist beurteilt. Die schaurige Erfahrung mit dem Goldenen Kalb, das sie alle in die Knie zwang (2.Mose 32), lag wie ein Fluch auf fast aller Kunst, - sie lade ein zu Götzendienst (Weisheit 14): Als ein Vater über seinen Sohn, der ihm allzu früh genommen wurde, Leid und Schmerzen trug, ließ er ein Bild machen und verehrte den, der längst tot war, jetzt als Gott und stiftete für die Seinen geheime Gottesdienste und Feiern.
Auch wurden Bilder verehrt auf das Gebot der Tyrannen hin. Die Leute konnten sie nicht von Angesicht zu Angesicht ehren, weil sie zu ferne wohnten, und machten sich aus der Ferne eine Vorstellung von ihrem Aussehen und fertigten ein sichtbares Bild des Königs an, den sie ehren wollten, damit sie durch ihren Eifer dem Abwesenden schmeichelten, als ob er anwesend wäre. Der Ehrgeiz der Künstler zielte darauf, dem Fürsten zu gefallen und machten das Bild durch seine Kunst so, dass es nicht nur ähnlich, sondern auch schön aussah. Die Menge aber, die von der Anmut des Werkes angezogen wurde, hielt jetzt den für einen Gott, der kurz zuvor nur als Mensch geehrt worden war. Dies wurde zu einer Gefahr für das Leben.

Ja, wohl erkannt die Abgründigkeit der Schönheit, das ist die Kehrseite von Kunst: Sie kann süchtig, kann hörig machen. Aber das Schöne ist doch Gottes schönes Geschenk. Der Himmel in seiner Pracht ist Grund, an Gott ehrfürchtig zu glauben - „Licht ist dein Kleid", schwärmten sie von Gott in Psam104. Ja, Gott ist doch als der große Künstler anzusehen, der die Farben und Formen ins Sein ruft und die Welt zu seinem Schmuck schafft.
Und den Menschen schuf er zu seinem Bilde, und hat damit die ganze Dramatik von Bild und Abbild und Vorbild überhaupt selbst in den Menschen eingelegt. „Sehet die Lilien, in ihrer Schönheit" sagt Jesus - „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt" (Goethe) sieht uns Jesus, zum Merken und Wahrnehmen. Wenn dazu Freiheit und Liebe kommt, dann ist auch Spielraum für Kunst uns zugedacht. Wir sind doch ausgerüstet mit Lust auf Kunst, also etwas gut zu machen, handwerklich, und etwas schön zu machen, etwas Schönes zu machen und damit stärken wir uns in den Mühen, gern hier zu sein trotz des Verwehens der Zeit.

Immer wieder tauchten die Rigorosen auf, die Bilderstürmer, die Zensoren von Konzert und Theater, die Kasernierer der Liebessehnsucht in die Ehe, Verächter der Kunstfreiheit unter Berufung auf einen strengen Gott. Aber der leuchtende Jesus, der Freudenmeister, der sich die Schmückung mit köstlicher Narde gefallen lässt, der zum Fest lädt, jetzt, und seine Güte ausgibt an Böse und Gute will Kunst, fordert uns auf, sie zu merken: „Sehet die Lilien, schöner gekleidet als Salomo in all seiner Pracht".
Kunst erhebt das Ich, macht dankbar, stiftet zum Aufräumen an, leitet an, Gutes zu denken.
Beim Betrachten einer Bernini-Skulptur durchströmt uns der Gedanke: „Wenn einer der Mitmenschen das konnte, diesen toten Stein zum Fließen, Strömen, Bewegen brachte (C.Nooteboom.), dann ist der Mensch insgesamt doch kein Fehler - es überkommt uns eine „geheimnisvolle Bewunderung für die eigene Gattung", und man geht erhoben davon: Doch, auch ich kann meine Arbeit anständig machen. Und etwa vor einem intensiveren Bild: „Jesus stillt den Sturm" wächst mein Glaube wohl auch: Ich kann die Angst, ich kann aus dem Sturm davonrudern.

Bilder können mit Macht und Schönheit aufgeladen sein - sie können schmücken, man kann mit ihnen prunken, kann sich der Ahnen versichern, kann vorzeigen: man ist kein Hergelaufener, sondern tief verwurzelt; Kunst kann beschützen: ein Heiland bannt doch die Dämonen - Reste davon: ein Bild der Kinder, Enkel im Portemonnaie als ein Gebet;

Die mittelalterlichen Kirchen als Beispiel für die Kraft der Kunst: „Die Schwelle, die Säule, der Bogen, das Kreuz, die Akanthusblätter und die Fabeltiere auf den Kapitelen, gezügelte unheimliche Herkuft. Die stilisierten Blüten, an den hohen, schmalen Friesen. Das Greifbare wird gewürdigt als Garant für die Treue der Schöpfung (nach C. Nooteboom): Seht St. Severin, das Gebäude lebt, du gehst hinein, du legst es dir an wie ein Kleidungsstück, „als wäre es nicht aus Stein, sondern aus einem anderen unbenennbaren Material, das sich aus Stein, Licht, Glanz, Intimität zusammensetzt" (nach C. Nooteboom).
Hier ist auch zu sehen, dicke Wände, der Schmerzensmann im Altar: „Angst und Kunst sind verzweifelte Schwestern, - mittels Kunst wird uns ein Umhang gewirkt gegen die Verzweiflung. Mittels Kunst werden die Worte Gottes weitertranportiert, in Schönschrift auf Pergament, oder in Stein gehauen, nur ja möge die Kette nicht abreißen der Beter, der Hoffenden.
Mit der Kunst versichert sich der Mensch seines Menschlichseins. In den ägyptischen Goldenen Göttern findet das Irdische exemplarisch sich erhoben, in den griechischen Tragödien wird die Verstricktheit und Größe des Menschen ausgelotet, in den Geschichten von Josef und Israel findet sich die Menschheit als zum Gespräch mit Gott berufen, in Jesus wird Gott Fleisch, wohl seine größte Kunst überhaupt, uns Menschen so nah zu kommen.
Kunst lässt uns die lange Reise ins Menschsein bis heute aufscheinen. In der Kunst winkt uns was Fortwirkendes. Kunst öffnet den Horizont, „Kunst bewahrt die kollektiven Träume der Menschheit" (Ernst Bloch). Wir haben noch viel vor: wir sind noch nicht abgefunden in unserer Sehnsucht; was ist, ist erst Vorschein der kommenden Fülle. Die Barockkirchen z.B sind auch Bethäuser, aber vor allem auch "geheimnisvolle Schatzkammern, Festräume, die den Armen gehören" (M.L. Kaschnitz). Überhaupt: „Es sind nicht die Kirchen zu verehren, sondern das Unsichtbare, das in ihnen lebt" (C.Nooteboom.).

Kinder malen, - eben die Enkelin: "Opa: guck mal: das ist ein guter Sturm." Sie malen doch das
Unsichtbare das im Menschen lebt, im Baum, im Sturm. Nooteboom beschreibt wie ihn eine Zubaran-Ausstellung beeindruckt: „Plötzlich sehe ich die drei bildschönen männlichen Engel als mögliche Wesen, sehe, wie behutsam sie mit dem Leichnam in ihrer seidenen Draperie umgehen müssen, um sich mit ihren gewaltigen aufgerichteten Flügeln nicht im Wege zu sein, stelle mir vor, dass sie dabei mit den Flügeln schlagen, höre dieses Geräusch, will wissen, was für Federn das sind, will selbst Flügel haben, und schon ist es geschehen, einen Augenblick hatte ich Flügel."

Kunst macht auch Aufheulen - Picassos Guernica: die erschütternde Schilderung der Zerstörung des spanischen Ortes durch deutsche Flieger mitten im Frieden. Als während des Zweiten Weltkrieges dann deutsche Offiziere den Maler in seiner Pariser Wohnung aufsuchen, deuten sie auf jenes Bild und sagten zu Picasso: „Das haben Sie gemacht?" - "Nein," erwiderte der Maler, "das haben Sie gemacht."
"Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen", so Nietzsche. Was die Wahrheit ist, ist ja noch offen. Denn die Wahrheit ist das, was ist und was daraus wird.- Aber damit wir nicht an der Wirklichkeit ersticken, damit die Wirklichkeit weit offensteht für Werden brauchen wir Kunst. Die Kunst ist die Gabe, Bilder, Texte, Melodien, Formen zu entwerfen, die uns nach vorn ziehen.

"Das Gottesgeschenk ist Wort und Bild". (nach R. Musil) Wort beschreibt, Bild malt aus: Gedanken, Träume. Das Foto, der Film, nimmt die Aura des Einmaligen, aber umgekehrt können sie auch das Wunderbare, Einmalige im Alltag herausheben, eben dadurch, dass es gewürdigt wird durch Wahrnehmung. Das technisch zerfließen gemachte Bild Wahrhols von Marilyn Monroe, massenhaft reproduziert, stellt auch die dargebrachte Oblate der Moderne dar und kann ein Symbol sein für Gott im Fleisch der geschundenen verbrauchten, erschöpften Schönheit.- Hoffentlich gilt noch: Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen (Jesjaja 42,3), das Zerrissene heilt er.
Laßt uns auch mittels Kunst gegen die Verachtung, gegen Entleerung und Zerstörtheit ansingen: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort". Du, sieh dich mit den Dingen in einem Verhältnis, "Zusammengehören" ist das Zauberwort: Und die Dinge antworten dir.
Es spricht nicht gegen die Kunst, wenn der Künstler sich von der Kunst ernähren kann, doch wichtig, dass er macht, was er muß, schlecht, wenn sie nur deshalb betrieben wird, damit sie etwas einbringt, - ein Lob mal auf die Mäzene.
Der Markt sucht Überraschendes und Schockierendes. Immer schwieriger, Kriterien der Qualität zu finden: Der Markt verlangt den Schock: der Künstler muß das Gewohnte und schon Verdaute meiden, muß neues Sehfutter anbieten, auch die neue Musik ist mit gewöhnlichen Ohren kaum zu vernehmen, die modernen Gedichte rumpeln mehr, als dass sie klingen, die modernen Inszenierungen der Klassiker tun oft weh, ohne zu erschüttern. Wie ja auch Predigten gehalten werden, die man sich hätte sparen können. Was daran alles Kunst ist, - wer will es zensieren.
Es sind vier heiße Medien, die die Welt bewegen: Geld, Religion, Liebesumarmung und die Kunst. Kümmern wir uns auch um die Kunst.
Und zuletzt eine Geschichte aus Sankt Severin:
Restaurator Botho Mannewitz brachte den renovierten Keitumer Altar zurück. Und als alles instaliert war und die Farben leuchteten im Licht, da sagte der Restaurator: „Ihr habt mir Holz gebracht und Kunst wiederbekommen.

Schlußgebet


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2021 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...  

 
Online 3