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Keitumer Predigten   Traugott Giesen  

Beerdigung Rudolf Augstein in St. Severin am 19.11.2002

Liebe ..., Allernächste, Mitmenschen,

die Liebe hält das Sterben für mehr als Verlöschen. Die Liebe will, dass der Geliebte ewig geliebt bleibt. Dass uns nicht der Tod aufsaugt, sondern die Liebe uns vollendet, - diese Sehnsucht muß christliche Gemeinde für jeden verstärken. Keiner verstärkte ja die Gewißheit, dass Gott noch viel mit uns vor hat, so sehr wie der Jesus Christus: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“, sagt er auch Rudolf Augstein zugut - unabhängig, ob ihm der Christus aufgegangen ist oder ob er nur mit dem Jesus-Menschensohn ein Stück Weg gegangen ist. Auch ob wir Gott finden mitten in diesem Leben ist nicht das Wichtigste. Sondern dass wir von Gott gewollt und gefunden sind, ist wichtig. Außerdem ist Christsein kein Besitz; der Heilige Geist beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt, das machen wir nicht selber. Christsein ist kein Haben, sondern ein Werden. Christ sein wollen ist ja auch schon was, die Kirchenzugehörigkeit ist einfach eine gute Ordnung. Aber Rudolf Augstein setzte gern selbst die Ordnung, an die er sich hielt. Dass Kirche da ist, spätestens jetzt findet er das gut, hoffe ich.

Wir müssen einen Menschen lassen, der erkennen wollte bis zum Süchtigwerden und in sich selbst sich Zurückziehen. Man kann einem Menschen nichts Böseres tun, als sich ausschließlich mit ihm zu beschäftigen, - so Elias Canetti. Er musste sich vieler Menschen erwehren, die zu gern sich mit ihm hätten beschäftigen dürfen. Er wurde darum auch abweisend, auch verletzend, um sich zu entziehen - sicher auch den Liebenden, sicher auch den Kindern. Das braucht auch Vergebung. Aber die Öffentlichkeit war sein Element, er setzte die Themen, bald 50 Jahre lang. Erst zuletzt konnte er zulassen, bedürftig zu sein und wurde dankbar für die sanfte Nähe, die nicht forderte.

Er war skeptisch, auch im Blick auf sich selbst, er konnte sich selbst gut raushalten und brachte lieber andere zur Erscheinung.- Wer war er selbst? Paulus 1. Korinther, 13 „Wir sehen jetzt in einem beschlagenen Spiegel ein dunkles Bild. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich von immerher gemeint bin“.

Die Wirklichkeit und das, was wir von ihr erfassen, ist doch zweierlei. Wir müssen ja auch nicht verstehen, wir müssen uns zurechtfinden, so Einstein. Mit diesem bruchstückweisen Wissen können wir denkende Menschen nur auskommen - auf Hoffnung. Wir müssen auf Vollendung hoffen können für jeden, wenigstens für jeden Geliebten, sonst würden wir ihn doch verraten und aufgeben ans Nichts. Wer ich und du sind - Ebenbild Gottes oder nackter Affe, oder wie das gemischt, das ist alles noch im dunklen Spiegel. Wir haben hier nur Glaube, Ahnung, Hoffnung, Verachtung, Einschätzungen eben. Auch Augsteins Spiegel war, ist manchmal beschlagen, da ist auch Häme und Gemeinheit beigemischt, - aber schemenhaft doch auf Hoffnung: Die Enthüllungen schreien doch nach Reparatur, und jeder Verriss wollte eines Besseren belehrt werden. Er suchte der Stadt, des Landes Bestes - und hat sicher eine Menge Sünden verhindert zumindest mit der Angst vor Aufdeckung. Dank an ihn und seine Gefährten, Gefährtinnen, die der Kraft des Wortes trauten und trauen.-

Doch wenn der letzte Text geschrieben und alles aus der Hand gegeben ist, dann werden die irdischen Beurteilungen vom Winde verweht.- Was bleibt ist Gebet: die Liebe, die den Kosmos bewegt, soll ihn vollenden, ihn schön machen, ihn richten, im Sinne von herrichten, heilmachen. Zu Grabe bringen wir den ausgedienten Leib; "der Reisesack des Lebens" (R. Musil) wird wieder zu Erde, - aber Er ist mit Flügeln der Morgenröte von uns genommen, ist ans äußerste Meer getragen. Er selbst, sein Ich, seine Seele, seine Person ist vorweggenommen in ein Haus von Licht.

Zuletzt eine Geschichte: Er wurde mal gefragt, ob er fernsähe. Er sagte: "Muß ich ja, wenn ich Fußball sehen will. Aber Filme will ich nicht mehr sehen bis auf Casablanca, die eine Stelle, wenn die Deutschen die „Wacht am Rhein“ singen, und die Franzosen kommen dann mit der Marseillaise… Dann fang ich an zu weinen."

Ein Traumbild: Viele Institutionen voll Rechthabens, selbstherrliche Monarchien inmitten der Demokratie, so viele Wachten am Rhein - und dagegen an schmetterte er das Lied der Freiheit und der Hoffnung, die Marseillaise der Menschenwürde. Mit dieser Beerdigung singen wir auch für ihn das Lied der Freiheit und der Verwandlung, eine Strophe weiter, am besten mit „Ein feste Burg ist unser Gott“ - aber lassen wir das Singen und hoffen auf ein Nachspiel, in dem der Organist die Marseillaise mit „Ein feste Burg“ verknüpft. Christen sind Protestleute gegen den Tod, wissend, dass Christus die Bastille des Todes geschleift hat - auch für ihn, und er ist in Anderland, da Fried und Freude lacht.

Zum vollendeten Gott gehört auch mal dein, mein und Rudolf Augsteins Vollendetwerden. Fahr wohl, komm gut heim. Amen.


 



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